Dienstag, 20. Dezember 2016

Drei Minuten

Nie im Traum hätte ich mir ausgemalt, dass ich auf ÜberlebensKunst tatsächlich mal einen Beitrag über das Überleben schreiben würde. Dies hier ist der vermutlich intimste Beitrag, den ich je veröffentlicht habe. Manchmal erzähle ich Leuten, dass ich gerne Journalistin wäre und direkt vom Geschehen berichten würde. Jetzt habe ich die Chance dazu und es fühlt sich nicht so gut an, wie ich es gedacht hatte.
Wenn ich heute die vielen Artikel und Informationen zum Anschlag gestern auf dem Breitscheidplatz in Berlin lese, fühlt sich alles fern und taub an. Merkel drückt ihr Bedauern aus, De Maizière stellt Vermutungen an und alle Welt ändert das Facebook-Profilbild. Es fühlt sich nicht anders an als all die anderen furchtbaren Nachrichten in Frankreich, Syrien und der Türkei.

Doch einen Unterschied gibt es: Drei Minuten bevor der LKW in die Menge rast und Menschen mit sich in den Tod reißt, waren mein Freund und ich dort. Wir kamen von Forever21 her zum Weihnachtsmarkt geschlendert, die Laune war leicht angeschlagen, weil mein Freund und ich den ganzen Tag unterwegs waren und noch kaum etwas gegessen hatten. Mein Freund überlegte laut, ob wir uns auf dem Weihnachtsmarkt etwas zu essen kaufen sollten. Da ich mich vegetarisch ernähre, habe ich mich dagegen ausgesprochen. Die meisten fleischlosen Gerichte auf dem Weihnachtsmarkt sind ziemlich teuer und da wir grad nicht so flüssig  sind, habe ich darauf bestanden, dass wir etwas von dem Essen kochen, das wir zu Hause haben. Eine kleine Diskussion, die vielleicht eine Minute gedauert hat. Dann haben wir nochmal einen Blick über die Stände geworfen und sind in Richtung Bahnhof Zoo gegangen. Heute wissen wir, dass keine drei Minuten später genau an der Stelle, an der wir kurz zuvor diskutiert hatten, der Wagen zum stehen gekommen war. Wir waren so mit uns selbst beschäftigt, dass wir ihn nicht hätten kommen sehen. Ohne es zu wissen, haben wir in diesem Moment eine Entscheidung getroffen, die unser Leben verändert hat. 

Doch wie lebt man jetzt mit diesem Wissen? Man sollte doch eigentlich meinen, dass man sich erleichtert und dankbar fühlt, an alles denkt, was man im Leben liebt und geradezu glüht vor Wertschätzung. So ist es aber nicht. Es sind die Gesichter der Menschen, die sich ins Gedächnis gebrannt haben und die einen davon abhalten, diesem Erlebnis etwas Gutes, wie Dankbarkeit, abzugewinnen. Menschen, die lachen, Gühwein trinken und an eben jenem Stand essen, den wir nach kurzer Überlegung verlassen haben. Auch wenn sie noch leben, so wurden sie vermutlich verletzt oder haben Dinge im Detail gesehen, die sie für ihr Leben traumatisieren werden. 
Es ist schwer, sich mit dem Gedanken abzufinden, dass eine kleine, so willkürlich erscheinende Entscheidung, über das Sein und Nichtsein entscheiden kann. 
Nichts, aber auch wirklich gar nichts, unterscheidet uns von ihnen. Es ist nicht fair und auch, wenn ich versuchen will, um ihret Willen das Leben nun mehr zu lieben, so ist es auch Schuld, die man vermutlich noch lange mit sich herumtragen wird.

Dass fehlendes Geld, ein Umstand, der meinen Freund und mich oft belastet, gestern ausschlaggebend für unser heutiges Erwachen war, brachte mir zunächst Gedanken in den Kopf, die sich um Sinn und Schicksal drehten. Klar, ein Konstrukt, das auf uns nun gut gepasst hat. Dass wir finanziell so schlecht dastanden, hat uns vor einem schlimmen Schicksal bewahrt und dadurch einen Sinn gehabt. Was aber soll ich denen sagen, die nicht so viel Glück hatten? Hat es einen Sinn gehabt, dass ihnen soetwas furchtbares zugestoßen ist? Nein, natürlich nicht! Wir waren nicht cleverer, weiser oder vorhersehender. Wir hatten nur Glück. Es war purer Zufall. Und das ist, glaube ich, die schlimmste Erkenntnis eines noch schlimmeren Abends. 

Was im Leben ist noch sicher, wenn die Entscheidungen, die wir treffen, oft unbewusste Folgen haben? Von vielen Folgen erfahren wir erst Jahre später, vielleicht aber sogar nie. 
Nur an die Folgen einer Entscheidung werden wir uns noch lange erinnern: Nämlich an die des Mannes, der gestern mutwillig Mord begangen und damit die friedvolle Vertrautheit von Weihnachten angegriffen hat. Ich nutze hiermit mein Recht auf Presse- und Meinungsfreiheit und richte meine Worte direkt an den Mörder, ob er es nun jemals lesen wird oder nicht:

Ein Mensch, der zu soetwas fähig ist, hat all seine Menschlichkeit verloren. Menschlichkeit zu verlieren bedeutet nicht, dass man Gott näher kommt. Ich weiß nicht, welches Schicksal dich zu einem Mann gemacht hat,  der Wahnsinn Vorzug vor Vernunft gibt. Aber egal, was du dachtest, das deine Tat anrichten würde. Du hast versagt. Die Trauer der Menschen wird sie nur noch stärker, noch liebender und noch hilfsbereiter machen. Wir leben in einer Welt, die deinen Hass und deine Feigheit nicht braucht. In einer Welt, die so viel Liebe zu geben hat, dass sie sogar so gnädig ist, Mitleid mit deiner Armseligkeit zu haben. Ich hoffe inständig, dass du lange lebst, damit du jeden Tag daran erinnert wirst, dass du dich geirrt hast, dass du schwach bist! Was auch immer man dir eingeredet hat: Du wirst niemals ein Held sein.

Abschließend möchte ich noch einmal an all die Menschen denken, deren Gesichter ich kurz vor der Tat gesehen habe:
Der Mann, der undefinierbares Zeug in einem riesigen Wok umgerührt hat.
Die Frau mit der blonden Föhnfrisur, die lang und schlaksig und mit roten Wangen an mir vorbei gewippt ist.
Das alte Pärchen, das versucht hat, die Dosen am Wurfstand abzuwerfen.
Der Mann mit der grauen Mütze, der sich gerade einen Platz am Glühweinstand gesucht hat und in seine Tasse gepustet hat.
Wir hoffen, dass ihr und alle anderen wohl auf seid. Und wünschen euch Kraft, wenn es nicht so ist. Aus unserer Sicht können wir nur sagen, dass es sehr schnell gegangen ist und die Opfer hoffentlich nicht lange gelitten haben.
Wir sind in Gedanken bei euch.






1 Kommentar:

Katta hat gesagt…

Danke für deine Schilderung der Ereignisse!

Allerliebste Grüße,
HOLYKATTA || INSTAGRAM || FACEBOOK

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