Sonntag, 16. Oktober 2016

So nicht, Bologna! // Der motzende Meckerbeitrag #2



Vor einer Weile habe ich den sogenannten "Motzenden Meckerbeitrag" eingeführt, den ich aber netterweise noch nicht sonderlich oft geschrieben habe. Darin geht es darum sich mal ohne Schuld und Scham so richtig über ein bestimmtes Thema auszukotzen, wenn es denn konstruktiv und für einen selbst hilfreich erscheint. 
Meine Prüfungszeit, die weit in die Semesterferien reinreichte erinnert mich an mein momentanes Lieblinsgkotzthema, welches vorallem eines zurückließ: 
Einen reglosen, kraftlosen, ausgebrannten Zombie. Dazu sag ich nur eines: Vielen Dank, Bologna!

Es war 1999, da das Bildungsministerium eine glorreiche Idee hatte: nämlich die Jugend von heute zu einer Armee arbeitswilliger Frühabsolventen heranzuzüchten. Die Regelstudienzeit wurde eingeführt, Prüfungen und Hausarbeiten in jedem Kurs am Semesterende zum Zwang gemacht und viele nette Nebenerscheinungen wie die Anwesenheitspflicht, den Numerus Clausus und die damiteinhergehenden Burn-out-Zombies erschaffen.

Hin und wieder unterhalte ich mich mit ein paar älteren Jahrgängen, die von ihrer Studienzeit sprechen, als sei sie die schönste ihres Lebens gewesen. Ausflüge ins Theater, im dialog mit den Schauspielern, Saufgelage mit dem Prof in der Vorlesung und Kunstreisen nach Griechenland kommen dabei in fast jeder dieser Geschichten vor. "Haach, ich habe ja so viel erlebt damals, ich finde ihr solltet mehr aus eurer Zeit herrausholen", sagen sie dann und blicken dabei argwönisch auf die tiefblauen Augenringe unter den Augen ihrer 30 Jahre jüngeren Zuhörer. 

Die haben diese Previlegien nämlich nicht mehr. Jetzt gibt es Pflichtkurse, die nach spätestens einem Jahr absolviert werden müssen, tägliche Hausaufgaben und Prüfungen, die einzelnd bereits der gesamten Abiturprüfungsphase ähneln und Anwesenheitspflichten, die es einem fast unmöglich machen das Geld für diesen ganzen Wahnsinn aufzutreiben. 

Der Sinn scheint wohl zu sein, den jungen Leuten so früh wie möglich einen sicheren Weg auf den Arbeitsmarkt zu garantieren, wenn man denn alles wie erwartet hingekommt. Ist dem nicht so, werden einem die Gelder gestrichen und man fühlt sich wie jemand, der faul und sitzengeblieben ist. Dass es allerdings mindestens jedem zweiten so geht, wird dabei eher weniger erwähnt und so kommen zu dem üblichen Stress auch noch Versagensängste dazu. Wer will schon gerne zugeben, dass er den Terminplan des Wahnsinns nicht einhalten kann.

Und apropos Arbeitsmarkt: Liebe Bologna-Menschen, habt ihr die wichtigen Chef´s verschiedenener Branchen eigentlich mal gefragt, was die denn so von den vorgefertigten Studenten halten? Verwendet man auch nur ein bisschen Zeit auf Gespräche mit ein paar von ihnen kann man nämlich raushören, dass sie die demotivierten, zerstörten Boulemie-Auswendiglerner ohne Praxiserfahrung gar nicht haben wollen! Während alle sich um ihr Überleben nämlich durch die Pflichtkurse strampeln, bleibt keinerlei Zeit für das sogenannte Selbststudium, was eigentlich den Hauptteil eines Studiums bilden sollte. Vieles wird einem nämlich gar nicht beigebracht, jedoch wird erwartet, dass man es mit dem Abschluss trotzdem kann. Wer kein Selbststudium betreibt, hat es auch schwerer seine Interessensflamme aufrecht zu erhalten und sich schließlich auf einen Teilbereich des Studiengangs zu spezialisieren. Und wer sich nicht spezialisiert hat, ist wort-wörtlich austauschbar. Da jeder die gleichen Kurse wählt und ähnlich halbwissend seinen Stoff auf Klausurenblätter würgt, wird er wohl kaum ein Fachmann für sein Themengebiet und damit auch nicht weiter interessant für einen Arbeitgeber, der ganz studienabschluss-like, einen selbstständigen motivieren Angestellten erwartet. 

Nicht mal die Dozenten haben Bock auf den Scheiß. Die lassen sich nämlich von der Uni für ihre Forschung bezahlen und das Unterrichten von Schülern ist für viele von ihnen das kleine Übel nebenher. Während früher Diskussionen mit den Studenten das kritische Denken förderte und hinterfragende, selbstständige Erwachsene erzogen werden sollten, die als Selbstbewusste Kenner ihres Gebietes die Uni verlassen, werden die Dozenten heute dazu gezwungen ihren Studenten in Windeseile ihr Herzblutthema einzuprügeln und anschließend lückenhaft abzufragen. Begeistertes Feedback erhalten sie oft für ihre Arbeit nicht mehr und der Austausch mit neuen Interessierten, die vielleicht etwas Frische in die Gedanken bringen, fällt damit auch weg. Die Anwesenheitspflicht halten die meisten auch für Quatsch, weil es schlicht und einfach nervig ist vor gezwungenen Menschen zu dozieren und die ständigen Ausreden bei eventueller Abwesenheit gehören in die Schule und nicht mehr an eine Universität.

Teilweise habe ich das Gefühl, dass ich im Abi weniger schulisch eingeengt wurde, als es manchmal an der Universität der Fall ist. Für alles muss man sich rechtfertigen und zwei Mal pro Kurs nur fehlen zu dürfen ist neben der Arbeit einfach unmöglich. Ein Mal krank, ein Mal Arbeit und schon wars das. Stirbt jetzt noch deine Katze, bist du rausgeflogen aus dem Kurs. Wo ist da der Sinn? 

Und ist euch mal aufgefallen wie jung die Studenten dank des Schnellläuferabiturs heutzutage sind? Zwischen 17 und 18! Hand auf´s Herz, wer weiß denn schon zu hundert Prozent welchen Weg er mit 18 gehen will? Klar, wer Geld hat und Mami und Papi viel Verständnis zeigen, kann wechseln so oft er will. Aber mal ganz davon abgesehen, dass es keine Finanzierung gibt, die Untentschlossene unterstützt und es eh schon unschön ist, dass man nicht in drei Jahren gelernt hat, was andere früher in sechs Jahren haben lernen dürfen, wird einem bei dem kleinsten Fehltritt die finanzielle Unterstützung verweigert. Wer also nicht auf Anhieb etwas durchzieht, kann mit seinem Abi den Kamin anfeuern, denn sich alleine ein Studium zu finanzieren, und das in Regelzeit, wird genauso realistisch wie auf einem Einhorn nach Westeros zu reiten.

Liebe Bologna, ich weiß zu schätzen, was du für uns tun wolltest und auch, dass wir nicht erst am Ende unseres Studiums alle wichtigen Prüfungen haben ist wohl der einzige Vorteil, den du mit dir gebracht hast. Aber sieh es ein, du hast versagt! Schau dich um und rede mal mit den Leuten. Rede mit den Arbeitgebern, den Dozenten und vorallem den Studenten und werfe einen Blick auf ihre buckeligen Rücken, die blutunterlaufenden Augen, das Stresshungern und die abgeknabberten Fingernägel. Das was du Deutschland gibst, hat nichts mehr mit adäquater Ausbildung zu tun. Gib den Leuten ihren Willen zurück und lass sie einfach in Frieden. Wer studiert ist erwachsen oder wird es zumindest durch wunderbare Erfahrungen irgendwann werden und deine Grenzen sind dabei nichts weiter als eine Krankheit, die gesamte Generationen an Studenten den Gar ausmacht. 

Das war mein Senf zur Bologna und ich denke es gibt eine Menge Leute da draußen, die mir in einigen Punkten durchaus zustimmen würden. Die letzten vier Wochen, habe ich durchweg mit Lernen verbracht und dabei völlig mich selbst verloren. Aus diesem Grund ist die Bologna Reform dieses Mal mein Meckerthema Nummer eins! 

Was hat dich in letzter Zeit besonders aufgeregt? Lass doch mal richtig Dampf ab, meinetwegen auch anonym, verlinke deinen Meckerbeitrag in den Kommentaren oder mit: #‎MeckernMitÜberlebenskunst!

Kommentare:

SixSights hat gesagt…

Hey Sinah,
ich kann deinen Frust total nachempfinden! Bei uns gibt es zwar in den wenigsten Kursen Anwesenheitspflicht, aber der Prüfungszeitraum ist auch der Horror.
Sobald die offizielle Vorlesungszeit um ist und wir 'faulen' Studenten ja sooo lange Semesterferien haben, gehts nämlich erst richtig los. Ich hatte letztes Semester allein in einer Woche 4 Prüfungen, wenn man dann bedenkt, dass zu jedem dieser Klausuren Skripte mit locker 500-800 Seiten gehören frage ich mich was sich dabei gedacht wird? Das man das nur noch stur auswendiglernt und dann auch noch auf Lücke ist ja wohl klar.. Dazu kommen noch die Seminararbeiten, Referate und Co.
Ich gehöre leider auch nicht zu den "glücklichen" die Bafög oder ähnliches bekommen. Das heißt ich muss auch in der Prüfungszeit arbeiten gehen und das machts nicht gerade leichter.
Wie du schon geschrieben hast, man wird zum Zombi, total austauschbar und kein Arbeitgeber möchte so einen Absolvent! Ich frage mich manchmal wirklich wieso ich das überhaupt alles mache, und ob ich damit nach dem Studium überhaupt eine Chance auf einen Job habe, der mir auch zusagt ..
Ines

ÜberlebensKUNST hat gesagt…

Danke für deinen Kommentar! Was studierst du denn Ines?
Ja, es ist wirklich eine nervige Angelegenheit, wo doch das Studium eigentlich so eine tolle Sache ist. Ich bin auch sehr dankbar, dass wir hier nicht diese horenden Gebühren haben wie beispielsweise in England, wo man mal ebend 9000 Euro pro Semester locker machen muss. Aber dennoch.. wer nicht von selbst lernt, fällt eh irgendwann auf die Nase, also ist es Quatsch die Leute so dazu zu zwingen. Deine Sorge mit der Arbeit teile nur all zu gut. Vermutlich liegt das daran, dass man kein genaues Berufsfeld vor Augen hat. Nach einer Ausbildung weiß man ja eigentlich in etwa wie der Beruf später aussieht. Bei einem Studium lernt man sehr akademisch und selten wirklich praxisorientiert. Auch geht man ja nicht mit einer richtigen Berufszuweisung da raus. Als Ägyptologin habe ich ein sehr hartes Arbeitspensum jedes Semester. Die sieben nämlich jedes Semester kräftig aus, obwohl die Berufschancen extrem schlecht sind.
Also Zähne zusammen und durch. Aber ich finde es ist einfach wichtig diese Gedanken zu teilen, damit man merkt, dass man mit den Ängsten und Zweifeln nicht alleine ist. :)

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