Montag, 1. August 2016

Gedankenströme und Gefühlslava: Die Angst vor der Angst


Dass sich gerade etwas in den Köpfen der Menschen verändert, sieht man, wenn man nur ein wenig aufmerksamer durch die Straßen zieht und einen Moment mit seinem Blick auf ihren Gesichtern verweilt. Ich persönlich empfand mein Heimatland schon immer als ein wenig engstirnig, verbissen und misstrauisch, aber das Verhalten, das man dieser Tage beobachten kann, geht doch ein wenig darüber hinaus. Anzunehmen, dass die Leute nie mit gefährlichen Situationen gerechnet haben, wäre nicht ganz richtig, zumal einem heranwachsenen Menschen meiner Erfahrung nach oft die unschöne Wahrheit über die Menschheit ins Gedächnis getrichtert wird. Inzwischen wird man über Twitter, Facebook, Radio und Fernsehen im Minutentakt auf das Weltgeschehen hingewiesen. Täglich gibt es Entführungen, Pädophile, Steuerhinterziehungen und Kriege, doch meistens spielen diese sich mehrere Kilometer weit weg ab und man denkt sich innerlich: "Ach, sowas wird mir schon nicht passieren. Nachts laufen Vergewaltiger rum, also bin ich lieber gegen 22 Uhr zu Hause. Wenn ich alle Türen abriegel und das Licht anmache, kommen schon keine Einbrecher rein und meine Geschäfte mit der Bank erledige ich einfach online, also bin ich bei einem Banküberfall auch nicht anwesend."

Wie gesagt, schlimme Dinge passieren jeden Tag, doch die wenigsten sind dazu bereit, sich ihr Wohlbefinden mit negativen Gedanken zu versalzen und schalten vor dem Schlafengehen lieber auf eine To-Night-Show um oder checken, statt einer Nachrichtenseite, lieber noch einmal ihren Instagram-Account.
Vielleicht ist das aber manchmal auch ganz gut so. Sich von Dingen beeinflussen zu lassen, die man selbst nicht beeinflussen kann, ist sicherlich nicht unschädlich für die menschliche Psyche und den Geist. Aber hier sind wir meiner Meinung nach auch schon bei der Wurzel des Problems angekommen. Den Fernseher auszuschalten und nachts Daheim zu bleiben, erscheint dann vielen einfach als die ultimative Lösung. Sie glauben, indem sie sich in ihrem Willen, beispielsweise einen nächtlichen Spaziergang zu machen, beschneiden, behalten sie die absolute Kontrolle über ihr Leben und das, was darin geschehen kann und was nicht.
Zeichnung: S.S.Jakobeit; Original: Hier gefunden

Doch was passiert, wenn wir die Kontrolle verlieren. Wenn wir uns ganz genau an unseren so sicher ausgetüftelten Plan der Lebenserhaltung klammern und dann etwas außerplanmäßiges passiert? Ganz außerhalb der Abendstunden, weit weg von vermeintlich gefährlichen Wohnvierteln und weder finanziell zielorient noch mit anderweitig durch Herumgefasel lösbaren Einsätzen?
Dann entsteht Angst, dann entsteht Paranoia. Und wenn das schon nicht genug ist, so kann man irgendwann blindes Misstrauen  beobachten.

Ich denke, ich muss nicht aufzählen, was den Leuten momentan solch schreckliche Angst zu machen scheint. Dass in dem gefühlt nahem Europa, zuletzt sogar in Deutschland, vermehrt von schrecklichen Geschehnissen die Rede ist, dürfte ja inzwischen aufgefallen sein. Aber in Anbetracht dessen, dass die Welt gar nicht so viel gefährlicher geworden ist als sie es ohnehin schon war, hat sich doch einiges verändert. Überall sehe ich, wie die Menschen gegenseitig mit dem Finger aufeinander zeigen. Flüchtlinge flüchten vor Terror, Alteingesessene glauben daran, dass sie das Böse mit sich bringen, Radikale beschmeißen sie daraufhin mit Dreck, darauf reagieren flüchtige Radikale mit etwas Radikalem, voraufhin vorher nicht Radikale zu Radikalen werden. Ich sag´s dir, wenn ich das Wort "radikal" noch einmal irgendwo lesen oder schreiben muss, raste ich aus. Haben sich alle ausgeglichenen Menschen dieser Welt verdünnisiert?
In den rund zwanzig Jahren, die ich auf dieser Erde weile, zugegeben noch nicht sehr lang also, ist mir die Welt noch nie so voller Widersprüche und Missgunst vorgekommen. Natürlich sind unsere Geschichtsbücher leider voll von derlei vergangenen Kapiteln. Ich weiß nicht, ob du das nachvollziehen kannst, aber immer, wenn man sich über Vergangenes informiert, glaubt man, man lese einen Roman. Etwas fiktives, das so nicht passiert sein kann. Und heute sehe ich mich um und es ist, als würde mir zum ersten Mal bewusst werden, wie blinder Hass entstehen kann. Und ich muss sagen, dass dieser Blick in den Gesichtern der Leute das ist, was mir am meisten Angst macht. Ich habe tatsächlich Angst vor der Angst der Menschen, die sie Dinge tun lässt, die nichts mehr mit Verstand zu tun haben. Man kann förmlich beobachten, wie überall sich alles in verschiedene ethnische Gruppen teilt, die phasenweise einander ausgrenzen. Und obwohl ich glaubte, dass uns soetwas hier in Deutschland fremd geworden ist, wird es langsam wieder zu einem präsenten Thema. Das Misstrauen hat die Oberhand übernommen. Misstrauen gegen Gleichgesinnte, Misstrauen bei Andersgesinnten und Misstrauen gegen die Regierung, das System, das Land und schlussendlich den Planeten.

Auch wenn alles, was man derzeitig in den Medien verfolgen kann, einem Unwohlsein bereitet und wenn man das alles eigentlich lieber verdrängen will, so bin ich der Meinung, dass man darüber reden muss. Auch wenn es nur einmal für eine halbe Stunde ist.
Denn wir sind Teil dieser Welt. Geschieht ihr etwas, so geschieht es auch uns. Und wenn du wirklich Angst davor hast, die Kontrolle über dein Leben zu verlieren, dann begieb dich doch nicht in die Hände des Schicksals, sondern beschäftige dich damit. Akzeptiere, wie die Welt funktioniert und versuche, deinen Teil dazu beizutragen, dass sie für deine Kinder ein besserer Ort wird.
Verbreite kein Halbwissen, keine Gerüchte und keine unbestätigten Thesen, sondern rede mit den Leuten und frage, warum sie denken, wie sie denken und bleib offen für bessere Argumente. Ich denke, der Brexit beispielsweise hat uns nochmal gezeigt, was passieren kann, wenn man eine Stellung bezieht, die man nur oberflächlich hinterfragt hat.

So oft habe ich geglaubt, ich wüsste ja ach so sehr, was in den Köpfen anderer Menschen vor sich geht. Und mehr als oft habe ich mich geirrt, die neuen Eindrücke abgewogen und mir daraus ein ganz neues Bild gebastelt. Schlimme Dinge, die passieren, bleiben schlimm. Völlig egal welche Erklärung man dazu erhält. Aber zumindest fühlt man sich nicht mehr so hilflos, wenn man sich mit Hintergründen beschäftigt, denn man hat wieder etwas neues über die Welt gelernt, in der man lebt.

Ich weiß, ich bin sehr vage geblieben mit diesem doch sehr heiklen Artikel, aber wie bereits erwähnt, haben viele Leute Probleme damit, sich über ihre Gedanken und derzeitigen Ängste zu äußern und handeln deswegen leicht passiv agressiv.
Wie empfindest du die vielen politischen Vorkommnisse in der näheren Umgebung und was machst du, um damit fertig zu werden?




Kommentare:

Sari hat gesagt…

Ganz ehrlich? Ich bin die, die wegschaltet oder ihren Instagram Account checked!
Warum? Ich weiß, es ist wichtig über das, was in der Welt geschieht Bescheid zu wissen, nicht die Augen zu verscgließen.
Aber es ist so viel einfacher den Kopf frei zu behalten, wenn man eben nicht alles weiß. Seit die Kinder da sind, mache ich mir eh schon ständig Sorgen über so viele Dinge, die passieren können. Wenn ich dann schon anfange darüber nachzudenken, ob man sich überhaupt noch raus wagen sollte oder ob ich in meinem eigenen zu Hause sicher bin....Angst vor der Angst. Du sagst es und wir beide wissen, wie schlimm das ausarten kann, wie sehr man sich da reinsteigern kann. Und das will ich nicht.
Also gönne ich dem Kopf lieber auch regelmäßig Zerstreuung vor der Welt...

ÜberlebensKUNST hat gesagt…

Ich denke das kann man auch niemandem verübeln. Die Kunst ist es vermutlich eine Balance aus Realismus und seiner eigenen Welt aufrecht zu erhalten. Sich ständig mit allem möglichen verrückt zu machen ist ja schließlich auch nicht das gelbe vom Ei. Aber ich stoße auch oft auf Leute, die bei ernsteren Themen total dicht machen und behaupten es ginge sie nichts an. Das finde ich dann auch irgendwie eigenartig, denn lange kann so eine Einstellung ja nicht gut gehen, ohne völlig den Bezug zur Realität zu verlieren. Ein schwieriges Thema, wie gesagt, über das man vermutlich ewig diskutieren kann.. wenn man denn will :P

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