Mittwoch, 18. Mai 2016

Studentenleben: 6 Mythen



Hachja, das Lotterleben als Student!
Bis mittags schlafen, keine Anwesenheitspflicht, Partys ohne Ende. Ich glaube jeder hat sich, auf die eine oder andere Weise, das Studentenleben in etwa so vorgestellt. Endlich ist man erwachsen, lernt irgendwas total cooles, trifft auf dutzende neuer Menschen und ist den Lehrerstress der Schule los.
Doch wie spielt sich der Alltag bei vielen Studenten wirklich ab? Was hat es mit den späten Kursen auf sich und wie locker ist der Alltag im Vergleich zum Abitur. Hier die mir und meinen Kommillitonen am meisten zu Ohren gekommenden Mythen über das Leben als Student und was wir dazu zu sagen haben!
Mythos #1: Viel Freizeit, wenig Kurse 
Das ist wohl das häufigste Vorurteil, mit dem Studenten leben müssen. Die Eltern, Großeltern und andere Nicht-Studenten schauen auf unseren Stundenplan und sehen vier bis fünf Unterrichtsblöcke die Woche. "Na du musst ja Freizeit haben.", sagen sie dann und schütteln den Kopf, als sei es eine Unverschämtheit. Natürlich sieht der Stundenplan nicht voll aus, das gebe ich zu. Was viele aber nicht wissen ist, dass für jeden besuchten Block (90 Min.) weitere 90 Minuten Vor- und 90 Minuten Nachbereitungszeit mit eingerechnet werden müssen. Es ist nicht mehr so wie in der Schule, dass du in den Unterricht gehst und der Dozent dir etwas bei bringt. Du musst dich bereits selbstständig auf die Unterrichtsstunde vorbereiten und besprichst quasi nur noch Dinge mit dem Dozenten oder er doziert auf der Grundlage deiner Vorbereitung. Ich studiere zum Beispiel Ägyptologie und hatte noch nie ein Quäntchen Geschichtsunterricht. Eigentlich sollte man doch meinen, dass ich wissen sollte, was im Alten Ägypten so passiert ist. Wenn ich es mir aber nicht nebenher selbst beibringe, lerne ich es auch nicht. Diesbezüglich wird kein Unterricht angeboten, aber der Stoff ist trotzdem Prüfungsrelevant. Der Dozent rattert seinen Vortrag runter und du musst um dein Leben mitschreiben, damit du zu Hause das ganze nochmal alleine durchkauen kannst. Außerdem reden wir hier von Massen an Informationen, die man in der kurzen Zeit von 90 Minuten gar nicht aufnehmen kann. Oftmals realisiert man erst Daheim, was man sich grad angehört hat.


Mythos #2: Bis in die Puppen ausschlafen 
Tatsächlich bin ich eine der wenigen aus meinem Freundeskreis, die nie vor 10 Uhr in der Uni ist. Das hängt, denke ich, vom Studiengang ab. Die einen haben eher Mittags und Nachmittags Seminare und Vorlesungen und die anderen eher morgens. Beides hat seine Vor- und Nachteile. Wer morgens zur Uni muss, kann häufig seine Nachmittage besser verplanen. Wer Mittags oder Nachmittags zur Uni kommt, für den ist der Tag quasi gelaufen, da man weder davor noch danach vernünftig einen Arzttermin oder Ähnliches bekommt. Es stimmt also, dass Studenten einen sehr unterschiedlichen Tagesablauf haben, das ist aber nicht immer unbedingt von Vorteil. Besonders wenn man Zeit mit Nicht-Studenten verbringen will, die einfach keine Zeit haben, sich noch um 21 Uhr mit dir auf einen Kaffee zu treffen. 

Mythos #3: Keine mündlichen Noten, nur die Klausur zählt? Jackpot!! 
Das ist meiner Meinung nach das Allernervigste an der Uni. Für je eine Klausur habe ich meistens um die 100-150 Übungsbögen. Angenommen, ich schreibe vier bis fünf Klausuren, dann habe ich es mit gut 500-750 Seiten Übungsbögen zu tun, deren Inhalt man in einem Zeitraum von zwei Wochen auf seine Klausurblätter würgt. Wenn man an einem Klausurtag seine Regel bekommt oder unter Kopfschmerzen leidet, geht es ganz schnell, dass die Note für das ganze Semester versemmelt ist, obwohl man fleißig mitgearbeitet hat. Es gibt nicht so etwas wie eine mündliche Note, die einen da raus hauen kann. Neulich erst habe ich ein 45 minütiges Referat gehalten, auf das ich mich drei Wochen habe vorbereiten müssen. Und es war unbenotet. Spaß macht das nicht, wenn die ganze Arbeit nicht wirklich belohnt wird. Klar, etwas zu lernen ist interessant und sicher gut für die Bildung. Aber am Ende will man dann doch etwas mehr. Wenn sich eine gesamte Note durch nur eine einzige Leistungsabfrage entscheidet, baut das ziemlichen Druck auf. Außerdem passiert es oft, dass Leute durchfallen, weil ihnen gar nicht aufgefallen ist, dass sie mit dem Arbeitspensum weit hinterher hinken.


Mythos #4: Morgen Uni? Ach scheiß drauf, ich geh nicht hin! 
Auch hier hängt es von der Uni, den Dozenten und den Fachbereichen ab, ob für ein Modul eine Anwesenheitspflicht besteht. Bei mir persönlich ist das aber so, dass wir nur zwei Mal fehlen dürfen. Ja, ganz richtig! Egal, ob wir aus Faulheit nicht hingehen oder wirklich attestiert krank sind. Zwei Mal fehlen pro Kurs ist das Maximum der Gefühle, andernfalls darf man die Klausur nicht schreiben. Wer mehr als das fehlt, braucht auf jeden Fall ein Attest und muss z.B. eine 7-10 seitige wissenschaftliche Arbeit schreiben. Da überlegt man sich wirklich drei Mal, ob das Fieber wirklich so schlimm ist. Ich weiß, dass es vor einigen Jahren noch so war, dass man Studenten nicht abverlangen durfte, zu erscheinen. Sogar die Professoren halten wenig davon, weil sie schließlich auch keine Lust haben, vor lauter kranken und demotivierten Studenten zu stehen. Aber bei uns wird das inzwischen recht streng gehändelt, sodass ein Dozent neulich sogar 20 Minuten damit verschwenden musste, 120 Studenten einzeln aufzurufen, um sicherzugehen, dass sie sich das Kreuzchen hinter dem Namen nicht von einer Freundin setzen lassen. 

Mythos #5: Party ohne Ende
Auch dieser Mythos begegnet mir sehr oft. Vermutlich basiert er auf der Grundlage der Mythen 1-4, denen zufolge wir dauerhaft Freizeit haben, morgens problemlos unseren Kater kurieren können und schließlich auch erst am Ende des Semesters mit dem Lernen anfangen müssen. Dazu muss ich auch noch sagen, dass ich in Berlin wohne und man hier auch wirklich immer feiern gehen kann, wenn man will. Natürlich ist besonders dieser Mythos auch wieder eine Typsache, denn es gibt Leute, die immer einen Grund zum Feiern finden und andere, die sich in der Partyszene weniger wohl fühlen als andere. Wenn man direkt neben einem Club wohnt, ist die Wahrscheinlich vermutlich größer, dass man sich mal vom Schreibtisch weg rollt und ein paar Stunden wild zappelnd auf der Tanzfläche verbringt und seinen Unistress mit einem großen Glas Rum-Cola hinunter spült. Ich persönlich beobachte aber eigentlich immer mehr, wie ein wilder Partygänger nach dem anderen so langsam aber sicher von der Tanzfläche verschwindet. Aus eigenener Erfahrung kann ich nur sagen, und für mich war früher mindestens zwei Mal die Woche Ausgehen und Feiern Standart, dass man früher oder später zu müde für den Scheiß ist. Meine Mädels und ich lachen uns immer schlapp, da wir uns dauerhaft vornehmen, mal wieder so richtig die Sau rauszulassen, wir aber oftmals beim Vortrinken schon ineinander verkeilt auf dem Sofa einschlafen. Unter der Woche bekommt der Körper einfach zu wenig Ruhe. Viele vergessen auch, dass die meisten Leute ganz normal neben dem Studium noch arbeiten müssen und inzwischen bin ich einfach froh, wenn ich mit einem Glas Wein die Füße hochlegen kann und mir jemand die Trauben pult. Das Flackern des Kerzenlichts ist für mich dann Discokugel genug.


Mythos #6: Viele Leute, viele Freunde

Meine Freunde und ich benutzen gerne ein bestimmtes Wort. Es heißt "Panikbekanntschaften". Jeder hofft auf der Uni ganz viele neue Freunde kennenzulernen und sich ein riesiges Netzwerk aufzubauen. Vielen gelingt das sicherlich auch. Aber die Masse an Menschen macht vor Allem eines bewusst: Man ist nur ein kleiner Fisch in einem großen Meer an Fischen. Besonders, wenn man es auf der Oberschule gewohnt war, überall bekannt zu sein und Ansprechpartner zu haben, ist der Einstieg ins Unileben erstmal besonders seltsam. Ich glaube, jeder hat Angst davor, nicht akzeptiert zu werden und schmeißt sich an die nächste Person, die einem entgegen kommt, in der Hoffnung, aufgenommen zu werden und einen Halt zu finden. Der Unialltag ist ja doch sehr unstet. Aber so entstehen halt auch eine Reihe unpersönliche Panikbekanntschaften. Schnell gegründete Freundschaften, bei denen zwei verunsicherte Individuen sich zusammenkloppen, egal, ob sie zusammenpassen oder nicht, um nicht völlig allein in der Menge unterzugehen. Nach einem Semester lösen sich diese dann wieder auf, weil man andere Kurse wählen muss und dort wieder auf ganz neue Leute trifft. Immer wieder erzählen mir Freunde, wie sie eine dieser Bekanntschaften erst nach ein bis zwei Jahren wieder gesehen haben, obwohl sie im selben Studiengang sind. Zu Beginn ist dieses Neue-Leute-treffen irgendwie aufregend, aber nach dem 50. Mal Smalltalk, schon wissend, dass man die Person eh nicht lange um sich hat, dann doch etwas haltlos. Trotzdem muss ich sagen, dass ich ein paar ganz tolle Freunde gefunden habe, mit denen es jetzt auch schon eine Weile hält, aber das ist eben nicht unbedingt die Norm. Anders ist es vermutlich, wenn man sich einer Organisation anschließt. 

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So, heute gabs mal meine knallharte Meinung zum Thema Studium. Vermutlich klingt das alles teilweise etwas niederschmetternd, aber lass dich nicht vom Studieren abbringen, denn es handelt sich wirklich um eine ganz besondere und aufregende Zeit. Vom Studium gibt es eben keine Ferien. Am Wochenede macht man Hausarbeiten und Referate, die nicht benotet werden und bereitet die Vorlesungen nach, um irgendwie mit dem ganzen Input zurecht zu kommen. Nach den Kursen flizt man schnell zur Arbeit, um Abends völlig erschöpft ins Bett zu fallen. Aber gleichzeitig gibt dieses unruhige stressige Leben einem auch einen schönen Adrenalinkick, man lernt viel über sich selbst und andere Menschen und kommt definitiv mit vielen zwischenmenschlichen Situationen in Berührung. Ich will abschließend nochmal betonen, dass für jeden das Studium anders ist und ich hier nur das zusammenfasse, was ich, meine Freunde und Kommillitonen so wahrnehmen. 

Über was für Mythen bist du bisher so gestolpert?


Kommentare:

Mai Monpipit hat gesagt…

Sehr schön zusammengefasst deine Punkte. Mit den gleichen Vorurteilen ging ich in mein erstes Studium und viel hart auf die Nase :D
Deshalb habe ich das Studium abgebrochen haha. Bin am überlegen es noch einmal zu versuchen, aber dieses mal gewissenhafter.
Liebe grüße,
Mai von Monpipit.de

xox

ÜberlebensKUNST hat gesagt…

Ohja, sowas höre ich sehr oft. Ich glaube man hat immer irgendwie ein amerikanisches College oder so im Kopf mit lauter Wohnheimparty, haha.

Ich glaube, wenn man weiß was auf einen zu kommt und man das Unisystem gut verstanden hat, kann man aber auch richtig Karriere machen. Man muss halt einfach ein guter Auswendiglerner sein xD

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