Montag, 11. April 2016

Das Mädchen und der Mond // Kurzgeschichte



Nächtliche Ruhe. Das Mädchen war gehüllt in Einsamkeit, ihr Körper gekrümmt in eine trostlose Fötusstellung. Plötzliches Erwachen. Etwas zog an ihr. Ihre Augen öffneten sich langsam. Mondschein an der Zimmerdecke. Er wanderte auf und ab, als könne er sich nicht entscheiden, welche Orte er bescheinen soll.  Als würde er nach etwas suchen. Dann traf er eine Entscheidung. Er wanderte die Wände hinab, bis er in ihr Gesicht schien. Sich in ihren Augen verfing und ihre bräunliche Tiefe in ein helles Leuchten verwandelte. Das Mädchen setzte sich auf und ging mit beträchtlichen Schritten zum Fenster. Ihr Kopf entscheidete fortan nicht mehr, ihre Beine trugen sie gleitend wie Schlittschuhe auf einem gefrorenem See. Ein Sog aus Licht und Kälte. Ihre Hände zitterten ängstlich. Sie traute sich kaum, ihren Kopf gen Himmel zu wenden. Doch er zwang sie dazu. Zwang sie, in die klare Form des Mondes zu starren, bis ihre Augen zu tränen begannen. Ein Schwall von Macht, Furcht, Überwältigung und so bedrückender Einsamkeit prasselte auf sie herab. Es war kaum ertragbar, doch sie konnte sich nicht wehren, wollte nur noch weg von ihm. Die dunklen nächtlichen Wolken zogen schnell an ihm vorbei, als wollten sie ebenfalls vor ihm flüchten. Sie wagten es nicht, seinem hellen Schein zu begegnen. Einige wenige unter ihnen hingegen waren mutiger. Sie wirbelten als dünner Hauch um seine leuchtenden Rundungen. Vollführten einen Tanz des Trotzes und das Mädchen musste dabei zusehen.

Ihre Angst verwandelte sich in Mitleid, dann in Bewunderung.  Alles, wonach der Mond sich jede Nacht sehnte, war es, angesehen, verstanden zu werden. Doch niemand tat es. Niemand wollte es tun, da die Betrachtung des Offentsichtlichen doch so viel einfacher war.  Sie alle sahen nur sich selbst in ihm. Verbanden ihn mit Fabelgeschichten und romantischem Gezwitscher. Das Mädchen betrachtete ihn mit großen wachen Augen und je länger sie in seine einsame Traurigkeit blickte, desto mehr begann sie ihn zu verstehen. Sie entdeckte in seinen müden Augen die Spiegelung ihrer eigenen.  Die Kraft, die auf sie so eine zwanghafte Wirkung zu haben und ihre Gedanken unfähig zu machen schien, ließ immer mehr und mehr nach. Sie könnte sich umdrehen und diese beängstigende Szenerie hinter sich lassen. 

Doch blieb sie zum Mond gewandt stehen. Jetzt wollte sie nicht mehr fort. Sie nahm sich die Zeit, ihn zu betrachten, zu verstehen, was in ihm vorging und ihn in seiner ganzen Pracht zu würdigen. Das Licht wandelte sich von einem beißenden neonbläulichem Weiß zu einem sanften cremigen Leuchten,  das sie umschmeichelte. Ihr Herz beruhigte sich mit jedem Augenaufschlag und mit jedem ihrer Atemzüge.  Ihre Angst schwand.  Sie bewunderte seine konsequente Art, jede Nacht aufs Neue sein Licht auf diese Welt zu werfen. Seinen Mut, die Menschen jede Nacht anzusehen, wo doch so viele von ihnen mit geschlossenen Augen durch die verwinkelten Gassen dieser Länder hindurch wanderten, um ihre grausamen Ecken nicht wahrnehmen zu müssen. Der Mond hingegen blickte verwirrt auf auf das Mädchen herab, spürte ihre Zuneigung und begann sie nach einer Weile zu erwidern, was ihm noch nie zuvor geschehen war. Er begann zu schmelzen unter ihrer liebevollen Betrachtung, die seine Rundungen weicher werden ließ. Zum ersten Mal sah er sie wirklich bewusst an, spürte die Wärme, die von ihr ausging und sog den Blick ihrer tiefen dunklen Augen in sich auf. So standen sie da und sahen einander an. Zwei Wesen, die der Welt, der sie tagtäglich ihr Augenmerk zuwenden mussten, überdrüssig wurden. Das Mädchen blickte in ihr Zimmer zurück. Sah die Verwüstung, in dem sie aufgrund ihres emotionalen Chaos lebte. Sie hatte genug von ihrer Welt, von ihrer Grausamkeit und dieser fortan immer wiederkehrenden Monotonie, die wie ein Teufelskreis nie vergehen wollte. Hatte genug von der tristen Lehre ihres Daseins und dem Gefühl, nie Teil dieser Welt gewesen zu sein. Hatte um Liebe, Trost und Heilung gebeten. Doch hier konnte ihr nicht gegeben werden, wonach sie suchte. Sie lächelte zufrieden in sich hinein, verharrte einen Moment mit geschlossenen Augen und wartete auf einen belebenden Windhauch.

 „Nimm mich mit…“, flüsterte sie leise, den Blick wieder gen Himmel gewandt. Die Verwunderung des Mondes wurde immer größer. Er war kaum in der Lage, zu begreifen, was in ihm vorging. Seit Beginn seiner Existenz hatte er fortan jede Nacht dasselbe getan, all die verschiedenen Geschichten auf dieser Welt betrachtet und konnte trotzdem nie dran teilhaben.  Hat all den Wesen, die dort hausten, sein unerwidertes Licht geschenkt und war trotzdem immer allein.  Und nun stand sie da, schaute ihn an, als wäre er das einzige existierende Element des Universums , bereit, mit ihm alles hinter sich zu lassen. Da brach seine Schutzmauer mit einem lauten Knacken der Erlösung. Sie lächelte, wissend, was mit ihm passierte. Ohne einen weiteren Blick nach hinten zu werfen, stieg sie auf das Fensterbrett. Ihr tiefrotes Nachthemd flatterte im Wind, ihre wirbelnden Haare tanzten den Tanz ihrer Vorfreude. Nun war der Mond sich sicher, er würde es wagen und endlich vertrauen.  Noch nie hatte er so viel Glück empfunden. Er sandte  einen glitzernden Strahl aus weichem Licht zu ihr herab, als würde er ihr eine Hand reichen. Ihr ganzer Körper zitterte vor Aufregung, als sie einen Fuß in die kalte Winterluft hinaussetzte, bereit, seine Hand zu ergreifen, um einen ganz neuen Weg zu gehen. Ein letzter Atemzug, dann ließ sie sich fallen.  Für einen ganz kurzen Moment war die ganze Welt in grelles Licht getaucht, wie das plötzliche Aufflammen eines Feuerwerks. In allen Teilen der Welt wurden die Menschen aus ihren Betten geworfen. Sie stürmten zu ihren Fenstern, weil sie spürten, dass etwas anders war. Doch sie sahen nichts mehr. Nie wieder.  Zwei Seelen, so einsam und kalt wie eine trostlose Winternacht, verließen die Szenerie dieses Daseins, nahmen ihr Licht mit und tauchten die Welt für alle Zeit in nie endende Dunkelheit. 



Sinah Sidonie Jakobeit

Kommentare:

Sari hat gesagt…

Seufz...so schön, so...traurig. Ja, traurig schön.

Du solltest öfter schreiben, öfter uns daran teilhaben lassen.

ÜberlebensKUNST hat gesagt…

Mal schauen, ich werds versuchen. Ist ja doch sehr intim :)

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