Montag, 1. Februar 2016

Buchbesprechung: Tausend strahlende Sonnen // Khaled Hosseini



 ---- Achtung! Dieser Beitrag kann Spoiler enthalten!! ----

Vor ein paar Jahren habe ich bereits Khaled Hosseini´s Debütroman "Drachenläufer" gelesen, der mir zwar gefallen hat, es aber nicht allzu tief in meine Erinnerung geschafft hat. Als jemand der sich viel mit dem Thema Gleichberechtigung und dem Vorderen Orient beschäftigt, fiel mir natürlich später der zweite Roman des Autoren ins Auge: "Tausend strahlende Sonnen".
Anders als beim Vorgänger, verschlang ich dieses Buch innerhalb kürzester Zeit.  

Kurz von mir zusammen gefasst:
http://www.amazon.de/Tausend-strahlende-Sonnen-Khaled-Hosseini/dp/3827006716Die unehelich zur Welt gekommene Mariam lebt mit ihrer Mutter, einer verbitterten und vom Leben gezeichneten alten Frau, in einer ärmlichen Hütte in einem Dorf in Afghanistan. Ihr Vater, ein wohlhabener Mann, der jedoch bei seiner "richtigen" Familie lebt, besucht sie ab und an, hält sie aber ansonsten von seinem Leben fern. Als Mariams Mutter Selbstmord begeht, kommt sie bei ihrem Vater unter, der sie nicht bei sich haben will und sie bereits als junges Mädchen mit dem 20-30 Jahre älteren Raschid verheiratet. Raschid ist ein eher radikal eingestellter Mann, der sich für die Einhaltung der Scharia ausspricht und für den seine Ehefrau ausschließlich zu seinem Wohl auf dieser Welt zu sein hat. Schnell verschwindet die Identität Mariam´s unter der Burka und somit auch das kleine naive Dorfmädchen. Fortan besteht ihr Tag nur noch aus Putzen, Kochen und sexueller Pflicht. Als klar wird, dass sie kein Kind gebären kann, verliert Raschid auch das letzte bisschen Mitleid mit ihr, da sie die vorerst einzige Chance auf einen Sohn war. Er redet kaum noch mit ihr und wenn dann nur, um sie mit Vorwürfen zu überhäufen. Wenn etwas was sie sagt oder tut, ihrem Mann nicht gefällt, erwartet sie Prügel. Und so verschwindet nicht nur ihr Gesicht hinter der Burka, sondern auch ihre Stimme.
Laila ist ein junges hübsches Mädchen, welches unter sehr viel günstigeren Verhältnissen in der Nachbarschaft Kabul aufwächst. Ihre Familie ist sehr liberal eingestellt und Laila´s Vater selbst unterstützt die Taten und Wünsche der Frauen in seiner Familie tatkräftig. Als jedoch die Eltern bei einem Bombenangriff ums Leben kommen, wird Laila bei Mariam und Raschid aufgenommen. Während Mariam, obwohl sie ihren Mann hasst, vor Eifersucht vergeht, macht Raschid Laila zu seiner zweiten Frau. Diese stimmt nur zu, weil ein Freund Raschid´s ihr berichtet, dass ihr Jugendfreund Tarik ebenfalls sein Leben verloren hat und es niemanden mehr gäbe, dem sie etwas bedeutet. Während Mariam immer mehr zur Magd wird, erhält Laila die ungeteilte Aufmerksamkeit ihres Mannes. In der Hoffnung von ihr einen Sohn zu erhalten, nennt er sie seine "Malika", seine Königin. Als das erste Kind jedoch eine Tochter wird, verliert auch sie seinen Respekt und die beiden Frauen müssen fortan gemeinsam die Launen ihres Mannes erdulden.
Laila, die um einiges willensstärker und mutiger ist als Mariam, bemüht sich schon bald darum eine Freundschaft zu ihrer Mitehefrau aufzubauen. Währendessen breiten vieler Orts in Afghanistan die Taliban ihre Macht aus. Musik und Film werden verboten und den Frauen wird das letzte bisschen Recht genommen, dass sie noch haben.
Der langwierige Kampf um die Freiheit beginnt...


Nachwort:
Das Buch erzählt einen Zeitraum von 1965 bis in die 2000er Jahre. Beim Lesen fühlt man sich teilweise so weit in eine vergangene Zeit zurückversetzt, dass man die meiste Zeit über vergisst, wie nah diese Ereignisse noch sind. Als jemand, der jede Chance nutzt, um sein Bedürfnis nach Gleichberechtigung auszudrücken und zwar nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer, habe ich mit diesem Buch sehr belastene Stunden verbracht. Die Geschichte Afghanistans ist seit vielen Jahrzehnten eine sehr schwierge und was die Zivilisten dort alles erleben müssen, ist für jemanden, der behütet aufgewachsen ist, kaum auszumalen. Angefangen mit der Besatzung der Sowjets, über Bürgerkriege, bis hin zum Talibanregime und dem IS. Als ob Terror und Krieg allein nicht bereits schlimm genug sind, haben Frauen, die unter der Einhaltung der Scharia leben, sämtliche Rechte abzutreten. Ich bin kein Experte Vorderasiens, aber ich verstehe genug, um mir des ganzen Ausmaßes der Unterdrückung, die mancher Orts in Syrien, Afghanistan, Pakistan und dem Irak den Frauen zuteil wird, bewusst zu werden. Das Buch beschreibt Szenen, in denen das Wort einer Frau keinen Wert hat, in denen Medikamente nur Männern zustehen und wimmert den stillen Schrei nach Gerechtigkeit. Obwohl Hosseini sich einer sehr distanzierten Schreibweise bedient und selten mehr als ein paar kühle Worte über die Grausamkeit verliert, so reichen diese bereits aus, um dankbar dafür zu sein, dass er nicht ins Detail geht. 
Wir wissen bereits einiges über das Afghanistan, in dem Frauen in Kostüm, mit Aktentasche und einem Coffee-To-Go zur Arbeit hetzen. Dieses Buch zeigt aber auch die andere Seite der Gesellschaft auf. Der Teil, in dem das freiheitliche Denken noch nicht durchgegriffen hat und die Frauen nach wie vor in ihrer Identität und Freiheit beschnitten werden. Als ich das Buch schlussendlich zuklappte, überfielen mich Gefühle der Erleichterung, aber dann umgab mich die Unzufriedenheit. Es handelt sich hier um ein Buch bei dem das bestmögliche Happy End, für uns eigentlich nur der Trostpreis ist.

Meiner Meinung nach ist das Buch natürlich kein Geschichtsbuch und es kann auch nicht Afghanistan und seine gesellschaftliche Entwicklung in vollem Umfang einfangen. Der Leser erhält aber Einblicke in die Geschichte Afghanistans aus weiblicher Sicht, in seine Veränderungen und internen Konflikte und vor Allem in die Leben zweier Frauen, die nur ein winziger Repräsentant all derer sind, die jetzt in dieser Sekunde von der Gesellschaft und ihren Ehemännern unterdrückt werden. Und es erinnert uns daran, dass auch wenn wir hier zu Hause sitzen und denken, dass Gleichberechtigung, mit Merkel als Kanzlerin, doch für uns kein Problem mehr ist, der Kampf noch lange nicht gewonnen ist.

Was sind deine Gedanken zu dem Buch?

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