Montag, 23. März 2015

Berufsfindung #2: "Altertumswissenschaften: Profilbereich Ägyptologie"



Name: Sinah
1)Wie bist du auf diesen Berufsweg gekommen? Gab es einen Auslöser für deine Wahl?
Als ich klein war, vielleicht 6 oder 7, entwickelte ich eine intensive Faszination für das Alte Ägypten, mit seinen Mythen und Erzählungen. Ich hatte ägyptische Vasen, Kleopatrabarbies, Bettwäsche und Papyri an den Wänden. Auch Geschichten übers Reisen und ferne Länder begeisterten mich. Je älter ich aber wurde, desto mehr rückte diese Begeisterung in den Hintergrund. Es gibt prinzipiell viele Studiengänge, die mich sehr interessieren. Doch, entgegen aller Vernunft, entschied ich mich für diesen.
2)Wie hast du dir das Studium vorgestellt, welche Erwartungen hattest du?
Da ich bereits Archäologie (nur mit einem anderen Profilbereich) studierte, wusste ich worin der Fokus bei der Ägyptologie lag. Ich hatte gehofft mehr über die Geschichte, Religion, Kunst und Gesellschaft im Alten Ägypten zu erfahren und besonders gespannt war ich auf das Erlernen der Hieroglyphenschrift.
3)Welche Voraussetzungen waren nötig (NC, Eignungstest, Praktika, Bewerbungsmappe, Vorstellungsgespräch)?
In Berlin braucht man, soweit ich weiß, für die Altertumswissenschaften keinen Numerus Clausus. Trotzdem musste man sich normal im Juli bewerben und bei einer Zusage immatrikulieren. Der Grund dafür ist, dass es sich um ein extrem schweres Fach mit schwieriger Berufsaussicht handelt und sich deshalb nur wenige bewerben. Der NC steigt mit der Bewerberzahl. Das einzige, das man vorweisen musste, ist Englisch auf dem Niveau B1. Wer allerdings sein Abitur hat, bringt dieses automatisch mit, deshalb ist es, egal was das Bewerbungsformular dir sagt, wichtig, dass du dein Zeugnis mit einreichst!
4)An welcher Uni studierst du? Hast du dich explizit für diese Uni entschieden? Welche Vorteile/Nachteile bietet deine Uni gegenüber anderen?
Ich studiere hier an der Freien Universität in Berlin. Eine weitere Uni, die das Fach in Berlin anbietet, ist die Humboldt Universität. Es gab keinen besonderen Grund, weshalb ich die FU wählte. Ich hatte viel Gutes darüber gehört und wusste, dass der Ägyptologe und Schriftsteller Jochem Kahl dort Dozent ist. Der Vorteil Ägyptologie in Berlin zu studieren ist natürlich, dass wir hier das Ägyptische Museum haben mit vielen wichtigen Funden und auch das Altägyptische Wörterbuch befindet sich in Berlin. Wenn man sich mit Dingen beschäftigt, die vor 1000den von Jahren passierten und geschaffen wurden, ist es wichtig sich Originale ansehen zu können, um sich besser einzufühlen.
5)Hast du dich auf irgendeine Weise auf den Studienbeginn vorbereitet?
Ich hab mir einen Atlas gekauft. In den Altertumswissenschaften und der Archäologie wimmelt es geradezu von Synchronismen, also geologisch und geschichtlich übergreifenden Ereignissen, die Einfluss aufeinander haben. Auch Handels/Importrouten, Kriege und Korrespondenz sind von Bedeutung. Wenn man dann nicht weiß wo sich welches Land und welcher Fluss befindet, ist das ein wenig unpraktisch. Auch habe ich mir Bücher zum Lernen von Hieroglyphen gekauft, was eine riesen Geldverschwendung war, da die Dozenten nur ganz bestimmte Werke dazu verwenden wollen. In den 0-8-15 Büchern steht wohl nur Käse.
6)Wie ist dein Studienalltag aufgebaut? Was für Kurse werden beispielweise angeboten?
Bei dem Studiengang „Altertumswissenschaften: Profilbereich Ägyptologie“ handelt es sich um einen Monobachelor. Also ein Studiengang der nur eine Fachrichtung verfolgt.
Das ganze unterteilt sich dann in:
- die Altertumswissenschaften (Ägypten, Vorderasien, Rom und Griechenland, Prähistorik)
- die Ägyptologie allgemein(Geschichte und ägyptische Archäologie)
- die Ägyptologie sprachlich (Alte Sprachen wie Hieroglyphen und Koptisch etc.)
- der Affine Bereich, auch genannt „Über-den-Tellerrand-schauen“ (hier kannst du auch aus anderen Studiengängen, wie Biologie, Englisch, Kulturwissenschaften usw. Kurse belegen)
- ABV-Bereich (Allgemeine Berufsvorbereitung mit Ausgrabungen, Museumspraktia, Sprachkursen etc.)

Manchmal gucken wir uns stundenlang Architektur und Fundobjekte an und analysieren diese. Auch die Leichenanalyse gehört dazu. Die Fundobjekte müssen zeitlich eingeordnet werden und Herrscher mit ihnen in einen Kontext gebracht werden können. Dabei ist es auch wichtig zu verstehen wie die Vegetation zu dieser Zeit war und was für einen Einfluss das auf das Volk hatte. Du erlernst die alten Rechts- und Wirtschaftssysteme und versuchst die Religion der alten Ägypter nachzuvollziehen.

Auf eine Ausgrabung gehst du für mindestens drei Wochen. Entweder bewirbst du dich bei einer von der Uni oder du suchst dir eine andere. Im Normalfall werden dort auch alle Bewerber genommen, denn wie gesagt, es gibt wenig Archäologiestudenten und freie Helfer sind generell immer gern gesehen. Dabei wird dann auch für die Behausung und den Hinweg/Rückweg gesorgt und oft nimmt sich auch jemand die Zeit für dich, um dir alles zu erklären. Du musst allerdings bedenken, dass die derzeitige Situation in Ägypten sehr schwierig ist und es nicht gewährleistet ist, dass du ein Praktikum in Ägypten absolvieren kannst.
Wenn du möchtest, dass ich mal einen Extrabeitrag zu einer Ausgrabung schreibe, lass es mich in den Kommentaren wissen.
Besonders gut gefällt mir auch der Affine Bereich. Du kannst dir wirklich aus dem gesamten Angebot Kurse wählen. Ich habe beispielweise schon Ethik gewählt und habe demnächst vor etwas bei den Islamwissenschaften zu belegen. Du solltest halt darauf achten, dass es ein bisschen zu dem passt, was du machst und sich auf deinem Lebenslauf gut machen könnte.

7)Wie sind die Prüfungen aufgebaut?
Bisher war es meistens so, dass es je nach Länge des Moduls, am Ende eine Prüfung gab. Das kann nach einem Semester sein, manchmal aber auch erst nach zwei. Leider ist das oft die einzige Art und Weise seine Note zu verdienen.
Meistens lernst du wochenlang Daten, Herrscher, Definitionen und Keramikarten, nur damit am Ende 10 blöde Fragen gestellt werden, die nicht mal annähernd beweisen, dass du fleißig gelernt hast. Bei 200 Themen, die du auswendig gelernt hast, kann es passieren, dass genau die 10 Fragen kommen, in denen du nicht so gut bist. Und das beschließt dann die Note für ein Semester oder sogar ein Jahr.
Was ich davon halte kannst du dann bei 13) lesen.
8)Wie ist das Mädchen/Jungs-Verhältnis?
Also in den Altertumswissenschaften allgemein ist es sehr gemischt. Im Profilbereich der Ägyptologie jedoch, sind es 90% Mädchen. Allerdings sagen die Professoren immer, weil das Fach so schwer ist, minimiert sich die Anzahl der Studenten mit den Jahren immer sehr und dann sind die Jungs irgendwann gar nicht mehr so auffällig in der Unterzahl.
9)Wurden deine Erwartungen von 2) erfüllt? Was ist anders als gedacht?
Wie erwartet ist das Fach extrem spannend und vielseitig. Ich glaube ich hätte mir Religion und Geschichte mehr im Vordergrund gewünscht, denn der archäologische Aspekt ist sehr präsent. Das mag interessant klingen, aber wenn du versuchst einen 50. Stein oder eine Scherbe zuzuordnen, reicht es dir irgendwann auch. Was definitiv nicht so ist, wie erwartet, ist das Erlernen der Hieroglyphen. Das System ist  unheimlich schwer für mich, obwohl ich mich immer als sehr sprachaffin gesehen habe. Der Unterrichtsinhalt wird dir sehr theoretisch näher gebracht, was ich als uneffektiv zum Erlernen einer Sprache sehe, möge sie noch so tot sein.

10)Was muss ein Student deines Faches, deiner Meinung nach, an Qualifikationen und Interessen mitbringen?
Wenn du dich von den Altertümern und der Archäologie angesprochen fühlst, darfst du auf gar keinen Fall ein lesescheuer Mensch sein. Das lesen von Büchern und Texten gehört dazu, denn in derartigen Studiengängen ist der gute alte Unterricht nicht mehr üblich. Jemand erzählt dir etwas und du musst es aufschreiben. Da das oft sehr viel ist, musst du selbständig in der Lage sein, dich zu Hause hinzusetzen und das gehörte nochmal nach zu lesen oder zu recherchieren. Auch sollte dein Englisch so gut sein, dass du ohne Probleme englische Literatur lesen und verstehen kannst. Ein paar Vokabeln kannst du nachsehen, aber wenn du dich im Abi mit dem Englisch nur durchgemogelt hast, wirst du es nicht einfach haben. Besonders Ägyptologie hat eben auch den Fokus auf alte Sprachen wie die Hieroglyphen. Dabei darf es dir auf jeden Fall nicht schwer fallen dich nochmal schnell in erweiterte Grammatikregeln einzuarbeiten. Du solltest offen sein für alle Themen der Menschentwicklung von der Evolution, über Materialien, Religion, Geographie, Wirtschaft, das Wetter und Soziologie, da all das Bestandteil kulturgeschichtlicher Entwicklung ist.
Unnnnnd last but not least, du solltest große Neugier an dem Alten Ägypten, oder bei einer anderen Altertumswissenschaft, eben Rom, Griechenland, Urgeschichte oder Vorderasien haben.


11)Was für Möglichkeiten hat man mit einem Bachelorabschluss? Welche mit einem Master?
Das Beste ist natürlich so weit wie möglich zu kommen auf der Abschlussleiter. Ein frisch gebackener Ägyptologe kann im Denkmalschutz Arbeit finden, auf Ausgrabungen, in Museen, an Universitäten etc. Man muss ganz ehrlich sagen, dass es nicht viele Arbeitsplätze für Ägyptologen gibt, also gilt die Devise: Stopf deinen Lebenslauf voll mit allem was du kriegen kannst.

12)Was hast du dir für die Zukunft vorgestellt?
Ich sehe mich weniger auf Ausgrabungen, sondern eher in einem Museum. Jedoch nicht als Wissenschaftler, sondern mein Traum wäre es Museumspädagogin zu werden. Als Museumspädagogin plant und organisiert man Ausstellungen und Veranstaltungen im Museum. Man entwickelt die Führungen, bietet Kurse für Kinder und Schulen an und fungiert demnach nicht als Forschende, sondern als Wissensvermittlerin. Also wie wird die Forschung an den Besucher gebracht.
Zu diesem Zweck möchte ich so viele Praktika wie möglich absolvieren, Sprachen lernen und mich in organisatorischen Dingen etwas aufrüsten.


13)Was gefällt dir am besten an deinem Studium, was nervt dich?
Die Abwechslung ist das was ich am meisten an meinem Studium schätze. Jeden Tag beschäftigen wir uns mit neuen Themen. Wenn es nicht gerade um hunderte von Scherben geht, beleuchten wir so viele Aspekte der Geschichte, dass einem nichts erspart bleibt. Auch das ich affin etwas wählen kann, mischt so richtig Farbe in den Alltag.
Was mir so gar nicht gefällt ist das Benotungssystem. Die Klausuren zählen einfach viel zu viel, dafür, dass sie so selten sind und wenig Möglichkeit hergeben. Steck mich ruhig in eine Zwangsjacke, aber ich bin der Meinung, dass mehr Hausaufgaben und Zwischenabfragen dabei helfen würden, bessere Noten zu erzielen. Außerdem weiß man dann immer, ob man mit dem Lernstoff hinterherkommt und sich auf dem angemessenden Wissensstand befindet. Das Selbe gilt auch für das Benotungssystem des Hieroglyphenkurses. Hätte man mehr Möglichkeiten sich seine Kursnote zu verdienen, wäre es auch nur halb so schlimm, dass der Kurs so schwer ist. So jedoch baut sich zusätzlich zu dem Schwierigkeitsgrad noch ein unnützer innerer Druck auf.
14)Dein Fazit.. hier zählt deine ehrliche Meinung! Für wen ist das Studium geeignet, bist du zufrieden, gibt es einschlägige Erfahrungen etc. Tob dich aus!
Das Studium ist am besten für Leute geeignet, die begeisterungsfähig und ehrgeizig sind und sich nicht unterkriegen lassen.
Tatsache ist: wer einfach nur einen sicheren Job will ist hier falsch. Wer im Archäologischen Bereich arbeiten will, muss auf Nervenkitzel vorbereitet sein. Wer ausgraben geht, ist eben manchmal länger nicht zu Hause, wer im Museum arbeitet muss sich beweisen, um fest angestellt zu werden.
Für wen die Altertümer, die Geschichte dieser Welt, die Ursprünge der Kulturen so wie wir sie heute kennen, genauso aufregend und faszinierend sind, wie für mich, der ist hier gold richtig.
Ich halte irgendwie nicht allzu viel von Berufen, die nur rein der Ernährung dienen und den Arbeitnehmer damit unglücklich machen, denn heutzutage arbeitet man bis man 70 ist. Beenden tut man sein Studium mit vielleicht 30 Jahren. Das sind rund 40 Jahre, die man Tag ein, Tag aus, in diesem Beruf verbringt. Meiner Meinung nach ist bei so einer Zahl der Spaß und das Feuer für die Arbeit das A und 0. Und dieses Feuer lodert eben bei jedem für etwas anderes.
Ist das Studium schwierig? Ja! Aber das ist jedes Studium und jede Ausbildung auf seine Art und Weise. Wenn die Neugier da ist, dann ist auch der Lerneifer da und in diesem Studium ist zumindest eine gesunde Abwechslung gegeben, sodass vielleicht mal Kurse kommen, die dir liegen und andere, die dir eben nicht liegen. Du hast die Möglichkeit auf interessante Praktika und kannst somit, als Student, zusammen mit den Wissenschaftlern direkt am Objekt forschen.
Wenn dir das alles zu unsicher und zu wischi waschi ist,  du aber in deinem Innern trotzdem so gern Archäologie studieren würdest, habe ich folgenden Tipp. Ein Bachelor an einer Universität qualifiziert dich auf ganz eigene Art und Weise. Auch wenn du danach eine Ausbildung in einem anderen Bereich machen möchtest, um sicher zu gehen, ist ein Universitätsabschluss immer ein prima Bonuspunkt auf dem Lebenslauf.


Soweit so gut zum Studiengang „Altertumswissenschaften: Profilbereich Ägyptologie“
Wenn du noch Fragen hast, die unbeantwortet blieben oder du andere Erfahrungen gemacht hast, feel free und schreib mir in den Kommentaren oder, wenn dir das unangenehm ist, per Kontaktformular.
Sinn und Zweck des ganzen ist, einander zu helfen und Unsicherheiten bei der Berufswahl zu nehmen.
Als nächstes kannst du etwas über den Studiengang "Lehramt Englisch" lesen.
Tschöh!


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