Montag, 18. November 2013

"Nicht so hastig...."


Ich habe schon sehr oft über das Verhalten der Menschen nachgedacht und ab und an setzte ich mich einfach mal ganz in Ruhe auf eine Bank in der Stadt und beobachte. Wie ein riesiger Haufen arbeitstüchtiger Ameisen tümmeln die Massen umher, wobei sie ein merkwürdig monotones Brummen von sich geben. Hier in Berlin sind die Menschen meist gestresst- eine Burnoutgeneration. Auf den Straßen herrscht Gedrängel und alle haben es immer schrecklich eilig, meist auch noch unbegründet. Jeder will zuerst in den Bus, einen Sitzplatz ergattern, im Restaurant bedient werden, wieder aussteigen, nach Hause kommen- nichts kann schnell genug gehen. Mein Blick wandert auf die Gesichter, die müde, meist mit gerunzelter Stirn, den schnellsten Fluchtweg ersuchen.  Lächelt man auf der Straße einen Fremden an, so blickt dieser nur verdattert zurück und geht hohen Hauptes und kopfschüttelnd von Dannen. Die Gedanken rattern nebenbei misstrauisch: Was wollte die denn? Hab ich noch Zahnpasta am Kinn?
Zur Zeit haben wir einen Tschechen zu Besuch, der gern durch die Welt reist und zwischendurch immer mal wieder in Schweden lebt. Er  ist völlig genervt davon, dass die Menschen, die er hier in Berlin trifft, alles viel zu genau nehmen. Während wir eifrig versuchten seine Zeit hier mit so viel Berlin wie möglich vollzustopfen, wollte er einfach nur in die S-Bahn steigen und sehen wo er ankommt. Dort umher wandern und nach Möglichkeit überall zu Fuß hingelangen, um so viele Photos von ungeahnten Orten zu machen, wie er finden kann. "No worries.", sagt er immer. Das hat er aus Neuseeland.

Wer vier Minuten nach vereinbarter Zeit erscheint muss sich oft den Satz anhören: "Ich warte schon eine halbe Ewigkeit!". Die Bvg kann es einem nie recht machen, da sie entweder zu früh (wie kann sie nur?!) oder drei ganze Minuten zu spät kommt, was, wenn man seinen Flieger erwischen will natürlich unpraktisch ist, meist allerdings eine nicht allzu große Tragödie ist, wie wir dann gerne beteuern. Darf ich mal nebenbei erwähnen, dass Berlin das mit am besten organisierte Verkehrsnetz der Welt hat? In Spanien setzt man sich an die Bushaltestelle und hofft, dass der Bus mal Lust hat die Station anzufahren.Und hat man es dann in den Bus geschafft, so werden einem nicht einmal die Stationen angezeigt.
Apropos Spanien. Es ist eher auffällig als einziger die Fremden in seiner Umgebung nicht anzulächeln, als es einfach zu tun. Wenn man den Bus betritt, ist es angebracht erstmal ein freundliches lautes "Hallo!" in die Runde zu werfen.Was die Zeitplanung angeht: wenn ein Spanier sich mit einem Freund um 16:30 Uhr treffen will, ist für beide klar, dass sie dabei beispielweise 17 Uhr anpeilen.
Nun will ich nicht unbedingt eine Stunde an der Bushaltestelle sitzen und auf den Bus warten. Genauso wenig will ich um die wahre Zeit meiner Verabredung pokern, aber sollten wir uns nicht alle mal bewusst machen, dass nicht bei jeder Kleinigkeit, die nicht nach Plan läuft, in der nächsten Minute gleich die Welt untergeht? Ich bin wirklich kein Fan von Stereotypen und Klischees, aber manche Momente, in denen ich mir wirklich mal die Zeit nehme, um das Treiben Berlins in mich aufzunehmen, zeigen nur immer wieder, dass Vorurteile durchaus ihren Ursprung haben.
Die Neuseeländer sagen ständig: " No worries.", die Spanier "Tranquilo." und was sagen wir? Ab und an höre ich von einigen entspannteren Menschen die Worte : " Chill ma!".
Hmm... ich bin nicht überzeugt.
Möglicherweise sollte ich beginnen wie Baumbart, aus "Der Herr der Ringe", mit tiefer und laaaangsamer Brummstimme ein "Nicht so hastig!" einzuführen.
Ich merke es ja allein schon an mir selbst und ich bin nicht mal wirklich bei Eltern aufgewachsen, die Druck jeglicher Art, für ein angemessenes Erziehungsmittel hielten, dass der Kopf 24 Stunden lang auf Hochtouren ist. Wo muss ich hin? Wann muss ich da sein? Bin ich erreichbar? Was denkt der oder die über mich? Was wird passieren? Was ist passiert? Wieso ist es passiert? Wieso wird es passieren? Schaff ich das? Bin ich gut genug? Bin ich schnell genug? Enttäusche ich jemanden?
Natürlich sind all dies Gedanken, die jedem einzelnen Menschen auf dieser Welt durch den Kopf spuken und viele davon auch berechtigt. Doch wir wachsen mit dem Druck, und irgendwann auch mit dem Drang, auf, dass wir leisten müssen. Mit 5 werden wir eingeschult, dort entscheidet sich schon welche Oberschulempfehlung wir erreichen, welche wiederum darüber entscheidet, ob wir Abitur machen können, was ebenfalls entscheidet, ob wir studieren können. So entscheidet sich bei einem Kind spätestens mit 10, welche Möglichkeiten es mit 20 Jahren haben wird. Ganz schön viele Erwartungen an so ein junges Wesen, dass lieber noch träumen, spielen und phantasieren sollte.
Stattdessen wird es, wie eine Massenproduktion, zu eines der Wesen gemacht, dass sich dem trägen Strom der Menschen auf der Straße anschließt und die Ellenbogen ausfährt. Müde darum bettelt in eine andere Richtung schwimmen zu dürfen und verdattert von Dannen geht, wenn es auf einen bunten Fisch trifft.

Nicht alle Menschen hier in Berlin sind so. Und vor Allem jene, die kein Problem mit dem Zyklus haben, werden all das ganz anders sehen. Ich liebe Berlin und lebe sehr gerne hier. Von meinen Freunden erwarte ich auch, dass sie mich nicht im Regen stehen lassen und gut in der Schule möchte ich auch sein, um meinen Traumjob zu bekommen..
Dennoch, manchmal ist es sehr wichtig sich bewusst zu machen, in welchem Verhalten man drin steckt und wie viel davon von der Gesellschaft stammt und wie viel aus eigener Überzeugung.
Auf jeden Fall werde ich morgen nochmal einen Fremden in der U-Bahn anlächeln (da kann er nämlich nicht vor mir weglaufen)... und übermorgen nochmal und überübermorgen und all die Tage danach.... solange, bis einer zurücklächelt.

Kommentare:

Ella hat gesagt…

Meiner Meinung nach ist es ein Phänomen welches typisch für unsere Zeit ist: Alles wir schneller, hochleistungsfähiger undkomplexer. Dies wirkt sich auf die Menschen und dessen sozialen Verhalten aus. Sich Zeit zu nehmen, Entspannen und die Langsamkeit zu genießen ist mittlerweile hier eine wahre Kunst geworden. Eine Kunst die leider die breite Masse nicht beherscht und noch viel trauriger :nicht schätzt.

Sari hat gesagt…

Es gibt so viele Dinge, die mn sich einfach mal wieder bewusster machen sollte. Das ist sich selber gegenüber auch viel fairer, man schindet sich ab und klagt am Ende darüber, dass nichts so lief, wie es geplant war...klar ist das enttäuschend...

EIn offener Blick, ein freundliches Wesen, kleine Babyziele vor Augen...realistische Weltansichten...wir sind doch alle vernebelt vom Dreck der Zeit nun ja...

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