Samstag, 14. September 2013

Theaterbesuch: Die gelbe Tapete


Gestern habe ich mal wieder meinem Lieblingstheater in Berlin, der Schaubühne am Leninerplatz, einen Besuch abgestattet. Das spannende ist, dass man nie weiß mit was für einer Art von Inszenierung man dort rechnen soll.
Das letzte Mal, als ich dort war, sah ich mir eine absolut fremdartige Inszenierung von Romeo und Julia an, bei der man sämtliche Körperteile der Schauspieler zu Gesicht bekam, wild mit Farbe und Neoneffekten um sich geschmissen und geraucht wurde.
Nun allerdings wurde ich Augenzeuge einer ganzen anderen Art des Theaters.
Da ich mich gerne von dem Inhalt von Filmen und Theaterstücken überraschen lasse, wusste ich nicht mehr über das gestrige Stück als den Titel. Das Original aus dem Jahre 1892 war mir nicht bekannt.

Die gelbe Tapete
Roman (1892): Charlotte Perkins Gilman
Regie : Katie Mitchell


Das Stück handelt von einer Frau (Anna), die vor kurzem ein Kind auf die Welt brachte. Seit einiger Zeit scheint sie sich, ohne Aussicht auf Besserung, müde und kraftlos zu fühlen.
Um ihre Genesung voran zu treiben und ihr Ruhe zu schenken fährt ihr Mann mit ihr, ihrem neugeborenen Sohn und dem Kindermädchen in ein abgelegendes Landhaus ausserhalb von Berlin.
Das Dachzimmer, das Anna dort bezieht, zieren alte Möbel und eine, in ihren Augen hässliche, gelbgemusterte Tapete.
Schnell entwickelt sie einen Hass gegen diese Tapete, glaubt Dinge und Codes in ihr zu erkennen und wird zunehmend von ihr bessener.

Das Stück dauert nur cerca eine Stunde und 15 Minuten, da die Handlung im Grunde recht einfach gehalten ist.
Der absolute Clue an diesem Stück ist die Art und Weise wie Katie Mitchell sie insziniert hat.
Bei dem Blick auf die Bühne weiß man nie wo man hinsehen soll, denn diesmal gibt es nicht nur einfach die Schauspieler, denen man bei ihrem Schauspiel zusieht. Abgesehen von der szenischen Kulisse gibt es ausserdem zwei schwarze Kammern in denen noch weitere Menschen am Werk sind. Eine Frau, die für das Tropfen des Wassers, das raschelne Geräusch der Kleidung und für die Fußstapfen zuständig ist. In der anderen eine Frau, die das ganze Stück über laut die Gedanken des Hauptcharackters spricht. Die Schauspieler hingegen hört man selten, spielen beinahe stumm. Der Fokus liegt auf der Psyche und den Gedanken von Anna. Am Anfang ist man auch etwas verwirrt, glaubt man sei in eine Vorstellung gekommen, die vielleicht für eine DvD mitgefilmt wird. In jeder Sekunde laufen mindestens fünf Kameras über die Bühne verteilt umher und ihr Mitschnitt wird auf eine große Leinwand über der Bühne projeziert.

Im Prinzip war es, als säße man live bei den Filmarbeiten eines Filmes dabei. Man konnte alles parallel beobachten und die Vorgänge verstehen und bestaunen. Gleichzeitig nahm man gespannt und schweratmend  an der psychodramatischen Handlung der Geschichte teil. Die Hauptdarstellerin, eine dünne Frau mittleren Alters mit sehr müdem Gesicht, war mitreißend!

Als das Stück vorbei war, wurde es geschlagene 30-40 Sekunden still und man hörte das ganze Publikum einmal tief ausatmen und die verstreichenden Sekunden wurden dafür genutzt, das eben gesehene zu verarbeiten. Erst als die Stille unerträglich an einem zu reißen begann, fingen die ersten Besucher an ihre Hände begeistert gegeneinander zu klatschen.

Für mich war es sinnezerreißend und durch die filmartige Inszenierung eine ganz neue Theatererfahrung.. und ein Stück, welches ein bis mindestens zum nächsten Tag mit Stoff zum nachdenken versorgte.

Karten für die Schaubühne kosten ungefähr zwischen 7 und 40€. Bei der Wahl der Plätze sollte man einigermassen wissen auf welches Stück man sich einlässt, da die teureren Karten, die näher an der Bühne sind, nicht unbedingt gleich die besseren Karten bedeuten. Je nach Art und Weise der Inszenierung variiert auch der perfekte Platz. Bei der gelben Tapete jedenfalls wäre es mehr als ungünstig gewesen in der ersten Reihe zu sitzen, da man so den Einblick in alle Ebenen der Inszinierung verliert.

1 Kommentar:

Sari hat gesagt…

Uff, das klingt nach viel Material, das zu verarbeiten gilt. Vielleicht muss ich mir mal das Buch zu Gemüte führen.

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